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Der Butt
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Der Butt ist ein 1977 erschienener Roman des Schriftstellers Gßnter Grass. Mit Fokus auf das Gebiet der Weichselmßndung behandelt er auf mehreren Erzählebenen die Geschichte der Menschheit von der Jungsteinzeit bis zur Gegenwart und hier insbesondere das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Das Märchen Vom Fischer und seiner Frau ist dabei Ausgangspunkt und strukturgebendes Merkmal. Daraus entnommen ist der Butt, ein sprechender Fisch, den Grass als allzeitigen Berater der Männersache vorfßhrt.
Contents
⢠Inhalt
⢠Form
⢠Interpretation
⢠Rezeption
⢠Ausgaben
⢠HÜrbuch
⢠Literatur
⢠Einzelnachweise
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Erzählperspektive und -ebenen
GĂźnter Grass lässt in seinem Roman einen zeitlich entgrenzten männlichen Ich-Erzähler wirken. Die temporale Omnipräsenz wird sofort zu Beginn des Romans in den Worten âIch, das bin ich jederzeitâ festgestellt.
Und auch Ilsebill, die Frau als solche, lässt Grass âvon Anfang an daâ sein. Mit diesen Hinweisen wird der Leser in die erste der drei Erzählebenen eingefĂźhrt: die Geschichte und auch Geschichtskritik. DafĂźr schlĂźpft der Erzähler je nach Epoche in das Gewand eines mehr oder weniger bedeutenden Mannes und lässt Ilsebill als eine KĂśchin auftreten.
Ebenfalls auf der ersten Seite des Romans finden sich die Ăberlagerungen der weiteren Erzählebenen. âBevor gezeugt wurde, gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnenâ. Bereits hier wird ein weiterer Doppelcharakter des Romans deutlich: Er ist âLiebesroman [âŚ] [und] zugleich Kultur- und KĂźchen-Geschichte der Ernährungâ.cite-ref-michaelis-1-0[1]cite-ref-2[2]
Damit steht auf einer ersten Erzählebene â ähnlich wie bei Gustav Freytags sechsteiligem Roman Die Ahnen (1872â1880) â die auf eine Region fokussierte Menschheitsgeschichte im Vordergrund, während die zweite Ebene das Verhältnis zwischen dem gegenwärtigen Erzähl-Ich und dem aktuellen femininen Gegenpol Ilsebill beschreibt. Auf einer dritten Ebene spielt das Motiv der Ernährung. Grass lässt nicht nur die jeweils fĂźr das Erzähl-Ich relevante Frau in den verschiedenen Epochen als KĂśchin auftreten, sondern gibt Ăźber die Zeit hinweg einen kleinen Einblick in die Danziger und kaschubische KĂźchenhistorie und erfĂźllt damit das im Roman Aus dem Tagebuch einer Schnecke gegebene Versprechen, ein âerzählendes Kochbuchâ zu schreiben.
Neben dem Ich-Erzähler bildet der Butt eine weitere Erzählinstanz. Er steht âin einem Vater-Sohn-Verhältnisâcite-ref-roesch-3-0[3] zum Ich-Erzähler. Ăber den Butt wird ein feministisches Tribunal erĂśffnet, welches âgegen [ihn] als den Inspirator der patriarchalen Ordnungâcite-ref-roesch-3-1[3] zu Gericht sitzt. Das Tribunal dient dem Butt als Forum fĂźr seine Erzählungen. Butt und Ich-Erzähler ergänzen sich oder wiederholen Teile der Geschichtserzählung.
Inhalt
Die circa viertausendjährige Menschheitsgeschichte vom Neolithikum bis zur polnischen Streikbewegung im Jahr 1970, einem Vorläufer der SolidarnoĹÄ 1980, auf der Danziger Leninwerft gliedert Grass in neun Kapitel. Auf der zweiten Erzählebene entsprechen die neun Kapitel den neun Monaten der Schwangerschaft von Ilsebill, der Frau des Ich-Erzählers der Gegenwart und Sinnbild der Frau an sich. Um auch der dritten, kĂźchengeschichtlichen Ebene Tribut zu zollen, lässt Grass Ăźber die Kapitel hinweg neun bzw. elf KĂśchinnen erscheinen. Im ersten Monat bzw. Kapitel werden dabei drei KĂśchinnen erwähnt, in den folgenden acht jeweils eine einzige.
Die Erzählebenen werden im neunten Monat zusammengefĂźhrt. Die vergangenen Zeiten sind vorbei, und die Zukunft steht ins Haus. Das Neugeborene gilt dabei als Hoffnungsträger und Chance, das vergangene Fehlen und Verfehlen nicht fortzufĂźhren oder zu wiederholen: ein âverzweifelt utopische[s] Endeâ.cite-ref-michaelis-1-1[1]
Die Dominanz der geschichtlichen Erzählebene spiegelt sich auch in der nun folgenden inhaltlichen Zusammenfassung: Die Ebene der Ilsebill und des gegenwärtigen Erzähl-Ichs wird nur angerissen, die Kßchengeschichte gänzlich fallen gelassen.
Form
Der Roman gliedert sich entsprechend Ilsebills Schwangerschaft in neun âim ersten Monatâ, âim zweiten Monatâ und so fort benannte Teile. Die Teile gliedern sich wiederum in Kapitel, die entweder aus einem erzählerischen Text oder einem Gedicht bestehen. Bei den Gedichten ist deren Titel zugleich die KapitelĂźberschrift. Eine Ausnahme dieser Regel stellt der achte Monat mit dem Titel Vatertag dar. Dieses Kapitel, in dem Grass auf satirische Weise auf die Frauenbewegung eingeht, wurde nicht in Unterkapitel unterteilt. Auch die Erzählperspektive ändert sich: Der zuvor immer auch aktiv beteiligte Erzähler ist im achten Monat lediglich ein am Geschehen nicht teilhabender Beobachter.
Interpretation
Grass bietet in Der Butt eine Neuauflage der Frage, welches Geschlecht an dem, primär als negativ empfundenen, Verlauf der Geschichte Schuld trägt. Er kehrt dabei die Rollenverhältnisse des Märchens (in der Fassung der BrĂźder Grimm) um und stellt den Mann als unersättliches Wesen dar, das immer gierig auf geschichtsstiftende Ereignisse â wie VĂślkerwanderung, technischen Fortschritt oder Krieg â war. Die Frauen hingegen sorgen fĂźr den ständigen Erhalt der Menschheit durch forcierten Zeugungsakt, Schwangerschaft, Geburt und Ernährung. Somit stellen sie die wahren âHeldenâ der Geschichte, während der männliche Drang nach Fortschritt die Menschheit an den Abgrund fĂźhrt. Der Butt dient dabei als AuslĂśser und Katalysator maskuliner Historizitätsfixierung.
Mit der âdritten Brustâ der MĂźtter zu Beginn der Geschichtsschreibung wirft Grass abermals die Frage nach einem Dritten Weg auf. Diese gesuchte Alternative kĂśnnte, dem Inhalt und der Thematik des Romans zufolge, ein Mittelweg zwischen den zwei Extremen Matriarchat und Patriarchat sein. Mit dem Wegfall dieser Brust scheint dieses Gegenangebot allerdings vom Autor verworfen zu werden. Auch die Umstände, unter denen die âdritte Brustâ wegfällt, lassen darauf schlieĂen, dass der Dritte Weg immer nur Illusion, nie aber eine realisierbare Option war: âDoch als Wigga in mehreren GroĂaktionen die sogenannte Traumrunkel [âŚ] ausrotten lieĂ und uns jenes Wunschkraut nahm, [âŚ] sahen wir nicht mehr wirklich, was uns Wunsch war. [âŚ] Auf einmal [âŚ] stand die gute alte Wigga mit nur zwei ordinären Titten da.âcite-ref-dtv-4-0[4]
Rezeption
Der Butt fand ein auĂerordentlich breites Medienecho und wurde in zahlreiche Sprachen Ăźbersetzt. Vor allem in der Frauenbewegung wurde der Roman negativ aufgenommen. Die Frauenzeitschrift Emma etwa kĂźrte Grass fĂźr sein Werk zum Pascha des Monats.cite-ref-moser-5-0[5] Er gilt nach Die Blechtrommel als Grassâ bedeutendstes Werk.
Der erste Satz des Romans, âIlsebill salzte nach.â, wurde 2007 zum schĂśnsten ersten Satz eines deutschsprachigen Romans gewählt.
Ausgaben
⢠Der Butt. Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1977, ISBN 3-472-86069-3. (29 Wochen lang in den Jahren 1977 und 1978 auf dem Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste)
⢠Der Butt. Fischer-TB 2181, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-596-22181-1.
Aktuelle Ausgaben
⢠Der Butt. 7., neu durchges. Auflage, dtv 14480, Mßnchen 2015, ISBN 978-3-423-14480-3.
⢠Der Butt. Steidl, GÜttingen 2011 (Erstausgabe 1993), ISBN 978-3-88243-489-7 (= Werkausgabe, Band 8).
HĂśrbuch
⢠Gßnter Grass liest Der Butt (24 CDs, 1740 Minuten). Steidl, GÜttingen 2010, ISBN 978-3-86521-514-7.
⢠Gßnter Grass liest Der Butt (3 MP3-CDs). Steidl, GÜttingen 2011, ISBN 978-3-86930-195-2.
Literatur
⢠Anika Davidson: Advocata aesthetica. Studien zum Marienmotiv in der modernen Literatur am Beispiel von Rainer Maria Rilke und Gßnter Grass. Ergon-Verlag, Wßrzburg 2001.
⢠Irmgard Elsner Hunt: MĂźtter und Muttermythos in GĂźnter Grassâ Roman âDer Buttâ. Lang, Frankfurt am Main 1983.
⢠Marco Fuhrländer: Der Butt. In: Harenbergs Kulturfßhrer Roman und Novelle, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2007, ISBN 978-3-411-76163-0, S. 295 f.
⢠Barbara Garde: âSelbst wenn die Welt unterginge, wĂźrden deine Weibergeschichten nicht aufhĂśrenâ. Zwischen âButtâ und âRättinâ â Frauen und Frauenbewegung bei GĂźnter Grass. Lang, Frankfurt am Main 1988.
⢠Oswald Hauser: Geschichte und Geschichtsbewusstsein. 19 Vorträge fßr die Ranke-Gesellschaft, Vereinigung fßr Geschichte im Üffentlichen Leben. Muster-Schmidt Verlag, GÜttingen 1981.
⢠Joachim Kaiser: Gelang Grass ein Danziger âZauberbergâ? In: SĂźddeutsche Zeitung, 13./14. August 1977.
⢠Joachim Kaiser: Erlebte Literatur. Vom âDoktor Faustusâ zum âFettfleckâ. Deutsche Schriftsteller in unserer Zeit. Piper, MĂźnchen/ZĂźrich 1988, S. 280â285.
⢠Siegfried Mews: Gunter Grass and His Critics. From âThe Tin Drumâ to âCrabwalkâ. Camden House, New York 2008.
⢠Heinz-Peter PreuĂer: Letzte Welten. Deutschsprachige Gegenwartsliteratur diesseits und jenseits der Apokalypse. Winter, Heidelberg 2003, Kapitel Die Pluralität der Untergänge. Postmoderne bei Alban Nikolai Herbst und der Versuch einer Typologie: Enzensberger â Grass â StrauĂ, S. 9â32.
⢠Marcel Reich-Ranicki: Von im un seynen Fruen. In: Frankfurter Allgemeine, 13. August 1977.
⢠Marcel Reich-Ranicki: GĂźnter Grass. Ammann, ZĂźrich 1992, S. 105â117.
⢠Petra Reuffer: Die unwahrscheinlichen Gewänder der anderen Wahrheit. Zur Wiederentdeckung des Wunderbaren bei G. Grass und I. Morgner. Die Blaue Eule, Essen 1988.
⢠Alice Schwarzer: Pascha des Monats. In: Emma, Juli 1977, S. 5 ff. Zitiert nach Aus der Zeitschrift âEmmaâ. Abgerufen am 22. März 2007.
Einzelnachweise
cite-note-michaelis-11. â Rolf Michaelis: Mit dem Kopf auch den Gaumen aufklären. GĂźnter Grass: Der Butt. Emanzipation â mehr als ein Märchen. In: Die Zeit, 12. August 1977.
cite-note-22. â Franz Josef GĂśrtz: GĂźnter Grass. Auskunft fĂźr Leser. Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1984, S. 131â140.
cite-note-roesch-33. â G. M. RĂśsch: Roman im 20. Jahrhundert. 1987, Kapitel Der Butt.
cite-note-dtv-44. â GĂźnter Grass: Der Butt. Deutscher Taschenbuch Verlag, MĂźnchen 2007. Kapitel Die Runkelmuhme, S. 88â89.
cite-note-moser-55. â Sabine Moser: GĂźnter Grass. Romane und Erzählungen. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2000, S. 119.